Naturkosmetik-Siegel im Vergleich: Was NATRUE, COSMOS und Ecocert wirklich bedeuten

Naturkosmetik-Siegel im Vergleich: Was NATRUE, COSMOS und Ecocert wirklich bedeuten

Im Drogeriemarkt oder Bioladen trifft der Blick auf ein Sammelsurium an Logos. Sternchen und Kürzel prägen die Verpackungen der Naturkosmetik. NATRUE, COSMOS und Ecocert gehören zu den bekanntesten Namen in diesem Bereich. Die Kriterien dahinter unterscheiden sich allerdings teils erheblich. Manche Marken tragen gleich zwei oder drei dieser Zeichen. Andere verzichten bewusst darauf und werben trotzdem mit dem Begriff Naturkosmetik. Diese Unschärfe sorgt regelmäßig für Verwirrung. Der Begriff selbst ist gesetzlich nicht definiert, darf nach der EU-Kosmetikverordnung aber nicht irreführend verwendet werden. Seit dem 27.09.2026 verbietet das geänderte Wettbewerbsrecht (UWG) außerdem Nachhaltigkeitssiegel, die weder auf einem Zertifizierungssystem beruhen noch staatlich festgesetzt sind. Auch allgemeine Umweltaussagen sind dann unzulässig, wenn sich keine anerkannte hervorragende Umweltleistung nachweisen lässt.

Hinter den großen Siegeln stehen unterschiedliche Organisationen mit eigenen Prüflisten, Prozentgrenzen und Kontrollverfahren. NATRUE wurde 2007 von Kosmetikherstellern in Brüssel gegründet. COSMOS wurde 2010 von mehreren europäischen Verbänden und Zertifizierern gemeinsam entwickelt, Ecocert agiert heute vor allem als Prüfstelle im COSMOS-System. Die Unterschiede zeigen sich in der Prüftiefe und in den erlaubten Verarbeitungsschritten. Dazu kommt die Frage, wie streng die Mindestanteile natürlicher Inhaltsstoffe ausfallen. Wer die Siegel kennt, kann Produkte im Regal gezielter vergleichen.

NATRUE als eigenständiges Prüfsystem

NATRUE gilt in Fachkreisen als eines der strengsten Siegel am Markt. Es unterscheidet zwei Zertifizierungsstufen, nämlich Naturkosmetik und Biokosmetik. Für Biokosmetik zählen die natürlichen Stoffe pflanzlichen und tierischen Ursprungs sowie die naturnahen Stoffe. Mindestens 95 Prozent davon müssen aus kontrolliert biologischem Anbau oder zertifizierter Wildsammlung stammen. Besonders bemerkenswert ist eine Regel zum Sortiment einer Marke. Das Siegel gibt es nur, wenn mindestens 75 Prozent der Produkte einer Marke die NATRUE-Kriterien erfüllen. Als Bezugsgröße kann auch eine eigens für Naturkosmetik entwickelte Submarke dienen. In den ersten zwei Jahren zählen dabei auch Produkte mit, die nach einem anderen Naturkosmetikstandard zertifiziert sind.

YouTube Video Thumbnail

Ein weiterer Unterschied liegt in der Bewertung chemischer Verarbeitungsschritte. NATRUE untersagt Prozesse, die natürliche Rohstoffe zu stark chemisch umwandeln, auch wenn der Ausgangsstoff pflanzlich oder mineralisch war. Diese Regel ist strenger gefasst als bei vielen Wettbewerbssiegeln. Dadurch scheiden manche verbreiteten Emulgatoren oder Konservierungsstoffe von vornherein aus. Die Kontrollen vor Ort übernehmen unabhängige, von NATRUE zugelassene Zertifizierungsstellen. Das bedeutet für Hersteller zusätzlichen Aufwand und Kosten, für viele Verbraucher aber Vertrauen. Das Siegel steht damit für einen geprüften und einheitlichen Standard.

COSMOS als gemeinsamer europäischer Standard

COSMOS wurde von fünf europäischen Verbänden und Zertifizierern gemeinsam entwickelt. Beteiligt waren BDIH aus Deutschland, Cosmébio und Ecocert aus Frankreich, ICEA aus Italien sowie die Soil Association aus Großbritannien. Sie tragen den Standard über die gemeinnützige COSMOS-standard AISBL mit Sitz in Brüssel. Ziel war ein gemeinsames, europaweit anerkanntes Regelwerk statt nationaler Einzelstandards. Seither gibt es zwei Stufen, COSMOS Natural für naturnahe Produkte und COSMOS Organic für Produkte mit höherem Bio-Anteil. Bei COSMOS Organic müssen mindestens 20 Prozent des Gesamtprodukts aus biologischem Anbau stammen. Für abwaschbare Produkte wie Duschgel, nicht emulgierte wässrige Produkte und überwiegend mineralische Produkte liegt die Grenze bei 10 Prozent. Außerdem müssen 95 Prozent der physikalisch verarbeiteten Agrarrohstoffe bio-zertifiziert sein.

Neben den reinen Inhaltsstoffvorgaben legt COSMOS Wert auf einen umfassenderen Blick, der auch Verpackung, Herkunft und Herstellungsprozesse einbezieht. Wasser und mineralische Bestandteile werden dabei folgerichtig nicht als Bio-Anteil gewertet, weil sie sich naturgemäß nicht landwirtschaftlich erzeugen lassen. Für Verbraucher bedeutet das COSMOS-Siegel eine gewisse Mindestqualität. Bei chemischen Umwandlungsschritten bleibt spürbar mehr Spielraum als bei NATRUE, was die Fachdiskussion regelmäßig als Schwachstelle nennt. Käufer sollten deshalb auch bei zertifizierten Produkten die Inhaltsstoffliste lesen, wenn ihnen bestimmte Verarbeitungsschritte wichtig sind.

Die Rolle von Ecocert im heutigen System

Ecocert war ursprünglich ein eigenständiges französisches Zertifizierungssystem mit eigenem Logo. 2010 wurde es eines der fünf Gründungsmitglieder von COSMOS. Heute tritt der Name meist als akkreditierte Kontrollstelle auf. Sie prüft und zertifiziert Produkte im Auftrag von Herstellern nach COSMOS-Kriterien, oft steht das Ecocert-Logo weiterhin neben dem COSMOS-Zeichen. Diese Doppelstruktur verwirrt viele Käufer spürbar. Unklar bleibt, ob dahinter ein eigenständiges drittes Regelwerk oder lediglich die ausführende Prüfinstanz steckt. Ein Blick auf die Herstellerangaben klärt meist, nach welchem Standard ein Produkt geprüft wurde.

Die Rolle von Ecocert im heutigen System

In der Praxis zertifiziert Ecocert nach eigenen Angaben Produkte mit durchschnittlich 99 Prozent Inhaltsstoffen natürlichen Ursprungs. Einen gesetzlich vorgeschriebenen Mindestanteil natürlicher Inhaltsstoffe gibt es nicht, die Anforderungen legen allein die privaten Siegelstandards fest. Als eine der größten Zertifizierungsstellen weltweit prüft das Unternehmen neben Kosmetik auch Lebensmittel und Textilien. Das verschafft ihm eine Sonderstellung in der Branche. Bei einem konkreten Produkt zeigt der Zusatz unter dem Siegel die geprüfte Stufe, etwa COSMOS ORGANIC oder COSMOS NATURAL. Die Stufe lässt sich auch in den Produktdatenbanken von NATRUE und COSMOS nachschlagen. Hinweise auf die Zusammensetzung gibt erst die Liste der Inhaltsstoffe.

Unterschiede in der Prüfpraxis

NATRUE und COSMOS setzen auf unabhängige externe Kontrollen, unterscheiden sich jedoch in der Häufigkeit der Audits. Bei NATRUE muss jede Produktionsstätte mindestens alle zwei Kalenderjahre auditiert werden. NATRUE verlangt außerdem eine lückenlose Dokumentation der Lieferkette. Alle COSMOS-Zertifizierungsstellen prüfen nach demselben Standard und Kontrollhandbuch und auditieren jeden Kunden mindestens einmal im Jahr. Sie werden von der COSMOS-standard AISBL autorisiert und müssen nach ISO/IEC 17065 akkreditiert sein. Weichen zwei COSMOS-zertifizierte Produkte mit demselben Logo voneinander ab, liegt das an unterschiedlichen Rezepturen innerhalb derselben Grenzwerte.

Ein oft übersehener Punkt betrifft die Kennzeichnungspflicht auf der Verpackung. Bei COSMOS-Produkten ist erkennbar, welche Kontrollstelle zertifiziert hat. NATRUE zertifiziert nicht selbst, die Prüfung übernehmen mehrere zugelassene, unabhängige Zertifizierungsstellen. Gerade bei international vertriebenen Marken lohnt sich ein zweiter Blick auf das Kleingedruckte. Neben dem Logo hilft deshalb die Suche nach dem Namen der Prüfstelle. Er verrät, wer die Einhaltung der Kriterien tatsächlich kontrolliert hat und wer im Zweifel Ansprechpartner ist.

Was die Prozentangaben tatsächlich aussagen

Prozentzahlen wie 95 oder 20 Prozent Bio-Anteil klingen eindeutig. Je nach Siegel beziehen sie sich aber auf unterschiedliche Berechnungsgrundlagen. NATRUE bezieht die 95-Prozent-Bioquote auf die natürlichen Stoffe pflanzlichen und tierischen Ursprungs und die daraus gewonnenen naturnahen Stoffe. COSMOS rechnet die Quote auf das fertige Gesamtprodukt inklusive Wasser um, was bei Gesichtswasser oder Duschgel automatisch niedrigere absolute Bio-Anteile ergibt. Diese methodischen Unterschiede haben Folgen. Ein direkter Vergleich der reinen Zahlen führt ohne Kenntnis der Berechnungsmethode in die Irre.

Was die Prozentangaben tatsächlich aussagen

Für die praktische Kaufentscheidung lohnt sich deshalb ein Blick auf die vollständige Zutatenliste zusätzlich zum reinen Siegel auf der Verpackung. Die Zutatenliste nennt die Bestandteile über einem Prozent nach absteigendem Gewichtsanteil, darunter ist die Reihenfolge frei. Prozentwerte nennt sie nicht, meist auch nicht die Herkunft eines Stoffs. Sie erlaubt daher nur eine grobe Einschätzung, Bio-Zutaten sind oft mit einem Sternchen markiert. Für regelmäßige Käufer von Naturkosmetik ist es sinnvoll, sich einmal mit den gängigen INCI-Bezeichnungen zu befassen. Es lohnt sich, sie zu kennen und richtig einzuordnen, denn dieses Wissen hilft bei jedem Einkauf.

Kritik an den bestehenden Siegelsystemen

Verbraucherschützer bemängeln seit Jahren die Vielzahl an Siegeln. Sie erschwert die Orientierung, weil selbst informierte Käufer die feinen Unterschiede kaum überblicken. Hinzu kommt die Finanzierung der Zertifizierungsstellen durch die Hersteller selbst. Kritiker werten das als strukturellen Interessenkonflikt, auch wenn die Prüfverfahren formal unabhängig ablaufen. Die Verbraucherzentrale empfiehlt, sich an Naturkosmetiksiegeln zu orientieren und die Inhaltsstoffliste zu prüfen. Das gilt vor allem bei Allergien und zum Erkennen von Bio-Zutaten. Ein einzelnes Logo reicht als Entscheidungsgrundlage nicht aus.

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die fehlende gesetzliche Verankerung des Begriffs Naturkosmetik. Weder in Deutschland noch in der EU ist er definiert, deshalb dürfen auch unzertifizierte Produkte ihn tragen. Es entsteht ein Markt mit zwei Welten. Streng geprüfte Naturkosmetik steht neben Produkten, die nur einzelne pflanzliche Extrakte enthalten und sich trotzdem ähnlich schmücken. Genau diese Grauzone macht die etablierten Siegel zu einer wichtigen Orientierungshilfe. Das gilt für alle, die bewusst einkaufen möchten.

Fazit zu Naturkosmetik-Siegeln

Fazit zu Naturkosmetik-SiegelnNATRUE und COSMOS verfolgen im Kern ein ähnliches Ziel, unterscheiden sich aber in Berechnungsmethoden, Verarbeitungsregeln und organisatorischem Aufbau spürbar voneinander. NATRUE setzt mit strengen Verarbeitungsregeln und der 75-Prozent-Vorgabe je Marke die höchste Messlatte, COSMOS bietet als breit getragener europäischer Standard eine solide, wenn auch etwas flexiblere Grundlage, und Ecocert fungiert heute größtenteils als ausführende Prüfstelle innerhalb dieses Systems. Für eine fundierte Kaufentscheidung bleibt der Blick auf Zertifizierungsstufe und Zutatenliste wichtig, weil das bloße Vorhandensein eines Logos allein noch keine Aussage über die tatsächliche Zusammensetzung eines Produkts trifft.