Auf den zweiten Blick ist ein deutscher Episodenfilm aus dem Jahr 2012. Regisseurin Sheri Hagen begleitet darin drei Paare durch den Berliner Alltag. Kay und Falk, Benjamin und Elena sowie Till und Pan suchen in der anonymen Großstadt nach Nähe. Fünf der sechs Hauptfiguren sind blind oder stark sehbehindert.
Der Film ist das Langfilmdebüt der Schauspielerin Sheri Hagen. Seine Uraufführung erlebt er im Juni 2012 beim Filmfest Emden-Norderney. In die deutschen Kinos kommt er am 10. Oktober 2013 im Verleih von Barnsteiner Film. Die FSK gibt das rund 90 Minuten lange Drama ab sechs Jahren frei.
Besetzung / Darsteller, Drehorte und Regie
Sheri Hagen schreibt das Drehbuch, führt Regie und produziert den Film selbst. Sie wird in Lagos in Nigeria geboren und wächst in Hamburg auf. Als Schauspielerin ist sie unter anderem aus „Das Leben der Anderen“ und dem „Tatort“ bekannt. Laut dem Internationalen Frauen Film Fest finanziert sie ihr Debüt über Crowdfunding.
Anita Olatunji spielt Kay, Michael Klammer ist als Falk zu sehen. Ingo Naujoks übernimmt die Rolle des Benjamin, Nele Rosetz spielt Elena. Pierre Sanoussi-Bliss verkörpert Till, Milton Welsh spielt Pan. Dorothée Reinoss ist als Antje zu sehen. Außerdem wirken unter anderem Ella-Sade Hagen-Janson, Torben Krämer und Veronika Nowag-Jones mit.
Hinter der Kamera steht Marcus Stotz. Den Schnitt besorgen Raquel Crawford-Jahn und Lee Minghay, die Musik stammt von Reggie Moore. Gedreht wird vom 26. Januar bis zum 24. Februar 2010 in Berlin. Das Frauen Film Fest bezeichnet das Werk als ersten deutschen Spielfilm mit überwiegend afrodeutscher Besetzung.
Zusammenfassung & Inhalt vom Film „Auf den zweiten Blick“
Berlin zeigt sich als laute, multikulturelle und kreative Metropole. Hinter dieser Fassade warten jedoch Alleinsein und Anonymität. Der Film verknüpft drei Geschichten, deren Figuren sich in ganz unterschiedlichen Lebenslagen begegnen. Sie alle verbindet die Sehnsucht nach Nähe.
Eine Stimme im Radio und eine Fahrt im Taxi
Kay ist Mitte dreißig und war früher eine impulsive Sängerin. Ein schwerer Autounfall nimmt ihr das Augenlicht. Verursacht hat ihn ihr damaliger Verlobter Sebastian, der danach die Verlobung löst. Seitdem lebt Kay zurückgezogen und lässt keine neuen Beziehungen zu. Bei einem Jazzsender spricht sie nur noch die Nachrichten.
Falk ist Witwer und zieht seine achtjährige Tochter Carla allein groß. Er verdient sein Geld als Taxifahrer und genießt das Leben in all seinen Facetten. Carla liebt ihren Vater, vermisst ihre verstorbene Mutter aber sehr. Falk hat sich in Kays Stimme verliebt und hört den Jazzsender, so oft er kann.
Eines Tages steigt Kay ausgerechnet in sein Taxi. Sie weiß nicht, wer am Steuer sitzt. Auf ihr tiefes Misstrauen ist Falk allerdings nicht vorbereitet. Der erste Kontakt verläuft deshalb alles andere als leicht.
Klaviertöne, Therapiestunden und verborgene Gefühle
Pan erhält mit neun Jahren die Diagnose Makuladegeneration und ist heute stark sehbehindert. Er arbeitet als Klavierstimmer und lebt allein mit seinem Hund Lilly. Halt findet er in klassischer Musik, vor allem bei Bach. Trotzdem wünscht er sich einen Partner an seiner Seite.
Sein Weg kreuzt sich mit dem von Till. Till führt ein Antiquitätengeschäft für afrikanische Kunst und lebt mit seiner Partnerin Antje zusammen. Seine Anziehung zu Männern unterdrückt er ebenso wie den Wunsch nach einem anderen Leben.
Elena arbeitet als Therapeutin mit blinden und sehbehinderten Menschen. Sie tritt selbstbewusst auf und hat einen trockenen Humor. Dabei besitzt sie selbst nur noch zwei Prozent Sehkraft. Sie lebt in ständiger Angst vor der völligen Erblindung und verdrängt ihre eigene Verletzlichkeit.
Benjamin ist von Geburt an blind und wächst in einem behüteten Umfeld auf. Seit er es verlassen hat, begleiten ihn seine „grauen Freunde“. Diese eingebildeten Gefährten weichen nie von seiner Seite. Sein Arbeitgeber schickt ihn deshalb zu Elena in Therapie. Mit jeder Sitzung verschwimmt die Grenze zwischen Helferin und Hilfesuchendem.
Fazit & Kritiken zum Film „Auf den zweiten Blick“
„Auf den zweiten Blick“ setzt auf leise Töne und miteinander verwobene Episoden. Im Mittelpunkt stehen Menschen, die sich trotz Ängsten und Enttäuschungen auf andere einlassen. Blindheit und Sehbehinderung prägen den Alltag der Figuren. Ihre Sehnsucht nach Liebe gleicht jedoch der ihrer sehenden Mitmenschen.
Die Programmzeitschrift prisma findet die Inszenierung stellenweise holprig und spröde. Zugleich setze sich Hagen mit ihrem selbst produzierten Debüt für die Akzeptanz blinder und sehbehinderter Menschen ein. Laut prisma wird der Film mit Audiodeskription gezeigt.
Hannah Klümper vom Berliner Stadtmagazin Exberliner beschreibt ein verschneites, abweisend wirkendes Berlin als Kulisse. Je mehr sich die Figuren füreinander öffnen, desto heller wird der Film nach ihrer Einschätzung. Sie nennt ihn ehrlich und herzerwärmend, ohne dass er in Stereotype verfällt.
Das Internationale Frauen Film Fest Dortmund+Köln zeigt den Film 2019 im Sonderprogramm. Es beschreibt ihn als charmante romantische Komödie über Blindheit im wörtlichen und übertragenen Sinn. Beim Filmfest Emden-Norderney erhält Hagen 2012 den Sonderpreis „Ein Schreibtisch am Meer“. Ein Jahr später folgt eine Auszeichnung beim Kirchlichen Filmfestival Recklinghausen.
Hagens Debüt ist damit ein ruhiger Film über Liebe, Vertrauen und Wahrnehmung. Er rückt Figuren in den Mittelpunkt, die im deutschen Kino selten zu sehen sind.